Vor 5 jahren, als ich mal mit einer Freundin auf der Durchreise nach Südfrankreich war, machten wir Halt in Taizé, einem kleinen Dorf im französischem Burgund. Zuerst war ich kritisch, was da wohl so abgeht. Als Christ bin ich ja eigentlich offen für allerlei christliche Glaubensgemeinschaften, schließlich glauben wir ja alle an den einen Gott – aber ein Kloster, bei dem es üblich ist, sich 3 mal am Tag unter strenger Liturgie zum Beten zu treffen? Ich weiß nicht, das ist doch spießig. Nicht mein Ding. Doch dann hab ich mich darauf eingelassen. Und ich muss sagen, die Gottesdienste und die Atmosphäre in Taizé haben mich total inspiriert.
Vor kurzem hat es mich dann wieder in dieses Dörflein gezogen. Ich hatte das große Bedürfnis, mir einfach mal wieder eine Auszeit zu nehmen, weg vom Alltagsstress, vom ganzen Lärm, Zeit für mich, in mich hineinzuhorchen und für meine Beziehung zu Gott, die für mich wichtig ist. Meine Freundin Verena und ich haben uns dann in einen Reisebus gesetzt und sind hingefahren.
Die Gemeinschaft von Taizé (La Communauté de Taizé) ist ein ökumenischer Männerorden. Bekannt ist der Ort hauptsächlich für die ökumenischen Jugendtreffen, zu denen im Jahr ungefähr 200.000 Leute aus der ganzen Welt kommen. Geprägt wurde die Gemeinschaft hauptsächlich durch Frère (Bruder) Roger, der sie gegründet hat. Leider ist er 2005 bei einem Attentat während eines Gottesdienstes ums Leben gekommen.
Geprägt sind die Gebetszeiten, die drei mal am Tag ungefähr eine halbe Stunde stattfinden, eigentlich von einer großen Schlichtheit:
die Kirche bietet Platz für ungefähr 1000 Leute, schätze ich mal. In der Kirche herrscht Stille, sobald man sie betritt. Man sitzt während des Gottesdienstes auf dem Boden. Es ist alles mit Teppichboden ausgelegt, dass es nicht ganz so kalt und hart ist. Manche haben auch einen Gebetshocker. Am allerschönsten ist der Altarraum. Dort befinden sich aufgeschichtete “Würfel”, in denen ganz viele Kerzen brennen. Ringsum sind farbige Tücher aufgehängt und es steht ein recht schlichtes Metallkreuz in der Mitte. Alles ist mit warmem Licht beleuchtet. An den Wänden hängen Ikonen, das sind Bilder von biblischen Geschichten/ Aussagen/ Personen.
Der Gottesdienst
Dann beginnt der Gottesdienst mit einem Lied. Die Lieder sind – zumindest meiner Meinung nach – das Wichtigste in Taizé. Es sind ganz schlichte Lieder, die eigentlich nur aus einem Satz bestehen, den man immer wiederholt. Die Melodie der Lieder ist sehr schön und “abwechslungsreich”, dass sie nicht langweilig wirken, wenn man sie in der Dauerschleife singt. Außerdem sind sie, weil in Taizé ja alle Nationen vertreten sind, in verschiedenen Sprachen. Meist Latein (–> katholisch), französisch, deutsch, englisch oder auch manchmal slawische Sprachen. Die Lieder sind schwer zu beschreiben. Wenn ihr ab und zu in den evangelischen Gottesdienst geht, kennt ihr vielleicht die Lieder “Meine Hoffnung und meine Freude” oder “Laudate homnescentes” oder auch den Klassiker “ubi caritas”. Das sind typische Taizé-Lieder. Aber sie sind schwer zu beschreiben – am besten ihr hört euch mal eine Kostprobe an: http://www.taize.fr/de_article4800.html. Auf dieser offiziellen Website findet ihr auch schöne Bilder, Texte und alles was man zu Taizé wissen muss. Schaut auf jeden Fall mal rein. Ich hab leider keine eigenen Bilder gemacht, weil ich gerade keine Kamera habe.
Nach ein paar Liedern kommt dann die Schriftlesung, auch in verschiedenen Sprachen. Danach folgt eine lange, angenehme Stille. Die Lesung wird von Brüdern unterschiedlicher Nationen vorgelesen. Das interessante und besondere an einem Taizé – Gottesdienst ist, dass es keine Predigt gibt. Es wird einfach nur ein Bibeltext vorgelesen. Das macht so einen Gottesdienst für mich total entspannt. Ich muss nicht 20 Minuten irgendwem zuhören, der glaubt, mir etwas erzählen zu können, sich wahrscheinlich noch mühevoll vorbereitet hat, aber mich dann doch nicht dran hindert, nach 5 Minuten abzuschalten… In einem Taizé – Gottesdienst geht es nur darum, in Gottes Gegenwart zu feiern und ihn zu loben. Es gibt keine Person, die vorne steht. Alle sitzen zusammen auf dem Boden, den Blick auf das Kreuz gerichtet. Man hat das Gefühl, es ist bereits alles gesagt: es werden Texte aus der Bibel vorgelesen, weil die nämlich oft schon für sich alleine wirken. Ich glaube, das ist etwas, was die Kirche oder kirchliche Gemeinschaft verlernt hat – es muss immer eine Predigt her oder einer, der vorne steht, als ob es nötig wäre, dass es einen gibt, der zwischen Gott und Gemeinde vermittelt. Natürlich bin ich nicht dafür, die Predigt in den Gottesdiensten hier abzuschaffen – das ist schon etwas, was der Gottesdienstgänger braucht, aber oft habe ich das Gefühl, man hat sich da so ein bisschen zum Zuschauer/Zuhörer und Konsument entwickelt. So nach dem Motto “Jetzt schauen wir mal, was uns der Herr Pfarrer heute mal wieder zu erzählen hat..” oder “Warum hat die Tante, die die Fürbitte macht, heute so komische Schuhe an?”. Das gefällt mir nicht. Ich will nicht das Gefühl haben, in einen Gottesdienst zu gehen, nur weil ich denke, dass mir da eine riesen Show oder wieder ordentlich Tratschmaterial (wie das in den Dörfern so ist) geliefert wird. Ich bin übrigens natürlich selber eine dieser Kanditaten, wenn ich einen Gottesdienst oder Jugendgottesdienst besuche. Und ich bin natürlich immer die erste, die die Predigt im Kopf schon auseinandernimmt, obwohl sie eigentlich erst vor 1 Minute angefangen hat… das will ich eigentlich gar nicht. So kann ich mich nicht auf das Thema “Gott” und “dienst” einlassen. Ich brauch Zeit, um in mich hineinzuhorchen. Und da helfen mir die Gesänge und die Schriftlesung. Da hab ich das Gefühl, da “will” keiner was von mir. Da will mich keiner ermahnen oder zwanghaft versuchen, mich in einer Predigt anzusprechen, sondern da bin ich einfach nur einer von vielen und habe eine Plattform, eine Gelegenheit mich auf mich und Gott zu konzentrieren.
Eine Gebetszeit/ bwz. ein Gottesdienst geht ca. 45 Minuten. Und man fühlt sich so von dieser Liturgie “getragen”, dass man gar nicht merkt, dass schon wieder eine Dreiviertel Stunde rum ist. Das ist sehr angenehm. Und was ich persönlich total faszinierend finde: in einer Kirche mit 1000 Leuten, darunter sehr viele 16-18Jährige Jugendliche ist es STILL! Ich hab sie ja eigentlich fast jeden Tag um mich, solche Jugendlichen, und ich frag mich echt wie das funktioniert. Ich nehme mal an, es ist das konsequente Arbeiten der “Silencekeeper”, Brüder, die dafür sorgen, dass es in der Kirche ordentlich zugeht. Aber hauptsächlich kann ich es mir nur durch die Gruppendynamik erklären. Die Jugendlichen kapieren einfach, dass das dort ein, sagen wir mal “heiliger” Ort ist, an dem man einfach ruhig ist. Und man hat den Eindruck, sie genießen die Stille auch genauso wie die älteren Besucher. Es gibt keinen, der irgendwie rumblödelt. (Ok, ich erinnere mich an 3-4 Jugendliche, die waren aber neu da. Die hatten es dann aber nach der ersten Gebetszeit auch kapiert..) Obwohl man natürlich dazu sagen muss, dass man sich die Jungs und Mädels, mit denen man da hin geht, schon genauer angucken sollte und ihnen klarzumachen hat, dass das was ist, worauf sie sich einlassen müssen. Ich würde jetzt nicht mit einer Gruppe wildgewordener, frisch pubertierender Konfirmanden hingehen, die damit noch gar nix anfangen können.
Das Essen
Nach bzw. vor den Gebetszeiten ist das Essen natürlich auch noch so eine regelmäßige Sache in Taizé. Es gibt morgens um 9 Frühstück, mittags um 13.00 Essen, dann um 17.15 Uhr Tee und um 19.00 Abendessen. Das Frühstück besteht aus einem mit Wasser angerührten Kakao oder Tee und einem Baguettebrötchen mit einem Stück Butter und – Achtung, jetzt kommt´s – einem Stück Schokolade. Ja genau. Wenn man Lust hat, morgens schon kreativ zu sein, dann knubbelt man das Brötchen mit den Fingern auseinander, schmiert die Butter mit dem Papier auf die Hälften und steckt die Schkoladenstückchen dazwischen. Die ganz sorgfältigen stecken die Schokolade auch einfach in ihren warmen Kakao und verteilen sie dann so gleichmäßig wie es geht auf dem Brötchen. Sonntags gibt´s zur Feier des Tages auch Marmelade, was die Angelegenheit aber nicht unbedingt einfacher macht… Da man aber Hunger hat, weil man schon ne 3/4 Stunde beten und 20 Minuten anstehen war, ist es einem eigentlich letztendlich wurscht, wie das Zeug dann auf dem Wecken landet. Denn man muss schauen, dass man schnell fertig wird. Es gibt nämlich manchmal, wenn man schnell genug ist, noch ein zweites Brötchen.. trocken und ohne Schokolade. Aber immerhin, man hat ja schließlich im Normalfall noch Hunger. Mittags gibt´s immer irgendwas, das man aus einem Napf mit einem Löffel essen kann. Zum Beispiel Linsen, Erbsengemüse, Reis oder – und das ist das Highlight – Nudeln mit Tomatensauce. Die Portionen sind recht übersichtlich und manchmal auch recht ungerecht verteilt, weil auch bei der Essensausgabe Jugendliche am Werk sind, die das nicht ganz so professionell machen. Da muss man dann schon mal ganz lieb nachfragen und abgemagert aussehen, dass man noch ein halbes Löffelchen kriegt. Und wenn dann noch was ergattert hat, vor allem auch, wenn man noch Nachschub bekommt, dann freut man sich tierisch. Jedenfalls so lange bis man sieht, wie sich die Helfer an der Essensausgabe dann die Teller mit einer etwas beachtlicheren Portion voll laden, nachdem sie die Leute, die noch gern was gehabt hätten, wegschicken. Nun gut. Es gibt ja immerhin auch noch einen kleinen (ja wirklich kleinen) Nachtisch und ein Stückchen Baguette dazu. Man ist ja zum Beten und nicht zum Essen da… aber wenn ihr mal nach Taizé geht und nicht verhungern wollt, dann nehmt euch reichlich Futter mit. Und vielleicht auch ein bisschen Besteck..
Das Programm
Morgens und Nachmittags gibt es sogenannte Bibelgesprächsgruppen. Die leitet dann ein Bruder und es geht an jedem Tag um einen anderen Text aus der Bibel. Am Anfang erzählt der Bruder dann (meist in englisch) etwas über diesen Text. Und das ist theologisch echt erste Sahne, wie ich finde. In Taizé wird auch jede Woche Ostern gefeiert – immer von Freitag bis Sonntag. Nach dem Vortrag im Plenum, der oft auch viel mehr ein Gespräch zwischen dem Bruder und den Leuten ist, gehts dann in die Gesprächsgruppen. Die waren dieses Jahr für Verena und mich nicht so interessant. Viele dieser Themen und Gespräche waren uns einfach schon bekannt. Aber es ist trotzdem ganz nett, neue Leute auch aus ganz unterschiedlichen Nationen kennenzulernen. Und man übt sich auch ein bisschen in englisch, was Spaß macht und nicht schadet. Ansonsten ist in Taizé echt nicht viel los. Freizeitangebote oder so gibt es leider keine, was ich eigentlich vor allem für die Jugendlichen echt schade finde. Man könnte ja wenigstens eine Tischtennisplatte oder sonst was hinstellen, wenn es schon in der Nähe keine Ausflugsziele gibt. Aber das ist wohl nicht so wichtig. Die meisten bringen sich dann selbst Bälle oder irgendwas mit. Viele haben sich aber auch mit Kreisspielen aller Art die Langeweile vertrieben. Uns war es dann am 3. Tag eher langweilig und wir haben eigentlich dann nur noch die Gebetszeiten und das Essen abgewartet. Das ist so der Nachteil an Taizé – es ist eben sonst nichts los.
Aber wer irgendwie gläubig ist oder sich in einer Kirche engagiert und mal Lust auf eine Auszeit hat und mal was Ruhigeres, Spirituelles erleben will, der sollte unbedingt mal nach Taizé! Und wer kultig sein will, der muss sich im Taizé – Shop das typische Taizé- Kreuz als Kette kaufen… ;)